Foto: Cornelia Höchstetter

Zu Fuß

EINSTEIGEN,
AUSSTEIGEN,
LOSLAUFEN!

Was für eine gute und so naheliegende Idee: In den Stadtbus einsteigen, bis zur Endhaltestelle fahren, aussteigen und eine Landpartie starten! So ungefähr war vor gut zwei Jahren der Gedankengang von Peter Schuto. Der studierte Geograph war Stadtführer in Paderborn und fährt gerne mal „mit Frau und Hund“ mit dem Bus irgendwohin, um dann loszulaufen. Dank seines „geographentypisch ganzheitlichen Blickes“ entwickelte er aus den Familienausflügen ein Konzept: Wanderungen von den Endhaltestellen zurück in die Stadt. Mit pfiffigen Streckenführungen, detaillierten Karten, umfangreichen Wegbeschreibungen und Stadtgeschichte(n). Peter Schuto gründete seinen eigenen Verlag und brachte seine Idee in Buchform heraus: BusGang. Der urbane Wanderführer.

PADERBORN, OSNABRÜCK, MÜNSTER

Schön für die Paderborner. Und wir hier in Münster? Gut, dass Peter Schuto so begeistert von seiner Idee war – er dachte sich, das Konzept passe ebenso auf Osnabrück und Münster. In Osnabrück sprang der Funke nicht über, die Verantwortlichen hatten kein Interesse. „Münster war von Anfang an ein Selbstläufer“, lobt Peter Schuto unsere Stadt über den grünen Klee. Die Tourist Info in Münster ist sofort auf den Zug aufgesprungen und hat ihm einen Experten vermittelt: Ulrich Gerbing. Münsteraner und Münsteranerinnen kennen den pensionierten Lehrer vom MünsterradGuide – die Stadtführungen per Leeze gründete Ulrich Gerbing im Jahr 2013. Also noch ein Stadtführer (schon seit fast 30 Jahren!), der sich bestens auskennt. Der perfekte Autor für den BusGang in Münster.

Foto: Jost Gerbing
Ulrich Gerbing ist passionierter Leezenfahrer, aber auch viel mit dem Stadtbus oder dem Stadtteilauto unterwegs. Ein eigenes Auto braucht er nicht. Schon gar nicht, um zum Wandern zu fahren – da bleibt er auch künftig „linientreu“ und nimmt den Bus.

DIE ENTDECKUNG DES TEMPOS ZU FUSS

Nachdem Ulrich Gerbing von den 33 Stadtbuslinien 19 für seine Touren aussuchte, gibt er inzwischen freimütig zu: „Wenn man bewusst zu Fuß unterwegs ist, nimmt man manches interessante Detail wahr, das einem mit dem Fahrrad nicht aufgefallen wäre!“ Zwischen Frühjahr und Herbst 2021 war er zu Fuß unterwegs und inzwischen ist das Wanderbüchlein im Buchladen erhältlich.

Ulrich Gerbing, als alter Hase unter den Stadtführern, konnte sogar noch Neues entdecken. „Wirklich neu für mich war der Weg von Hiltrup Ost, hinter den Sportanlagen des TuS Hiltrup. Alles grün und dann entdeckt man dazwischen den Fernsehturm! Auch bin ich gleich zweimal auf die Adelsfamilie Heereman von Zuydtwyck gestoßen, aus der der frühere Bauernpräsident stammt – an der Scheune von Haus Maser prangt das Heeremansche Familienwappen zusammen mit dem der Familie von Vischering, und der Bau- ernhof im Schatten der Kiefern weiter nördlich heißt Heereman-Kotten. Imponiert hat mir auch die Entwicklung des Friedensparkes!“, staunt Ulrich Gerbing. Möchten Sie auch staunen? Dann los: Wir dürfen die Tour Nummer 9 vorstellen!

Foto: Heithoff & Companie

LINIE 9 – VON HILTRUP ZUM FRIEDENSPARK UND WEITER (Auszüge aus dem Buch BusGang)

Start: Einstiegshaltestelle am Hauptbahnhof Bussteig D2, Linie 9
Wanderzeit: Hiltrup – Innenstadt, 11,8 km, etwa 4 Stunden

ETAPPE 1 – QUER DURCH HILTRUP OST

Von der Endhaltestelle Franz-Marc-Weg in Hiltrup Ost gehen wir über den Nelkenweg in nördliche Richtung, biegen nach links ab auf den Tulpenweg und nutzen vor Hausnummer 1 den rechts abgehenden Fußweg.

Wir kommen zum nach links führenden Immenkamp, dem wir nach Norden folgen, überqueren die Straße Osttor und gelangen geradeaus auf die Ringstraße. Wir gehen dann nach rechts auf den Marienkirchweg und wenden uns bei der Kirche St. Marien 1 kurz nach rechts und sofort wieder nach links auf den Loddenweg. Wir kommen am Sportgelände des TuS Hiltrup 2 vorbei. Diese großzügige, 1966 errichtete Sportanlage ist die Adresse des mit über 4.000 Mitgliedern größten Mehrsparten-Sportvereins in Münster. Im Jahr 1974, als die Fußball-WM in der Bundesrepublik stattfand und die deutsche Mannschaft durch einen 2:1-Sieg über die Niederlande den Titel gewann, hatte das holländische Oranje-Team sein Basisquartier im Hotel Krautkrämer am Hiltruper See aufgeschlagen und absolvierte auf den Plätzen der TuS-Sportanlage seine Trainingseinheiten.

Es heißt, die Niederlage des damals besten Fußballteams der Welt habe indirekt mit Hiltrup zu tun gehabt. „Cruyff, Sekt, nackte Mädchen und ein kühles Bad“ titelte die BILD-Zeitung wenige Tage vor dem Finale in ihrer reißerischen Art über ein wildes Gelage im Swimmingpool von Krautkrämer. Diese Nachricht erreichte auch die Frau von Kapitän Johan Cruyff in Holland. Es bedurfte stundenlanger nächtlicher Telefongespräche, um die Gattin von ihren Scheidungsplänen abzubringen. Schließlich fehlten ihm Schlaf und Kraft, um im Finale im Münchner Olympiastadion wie gewohnt aufspielen zu können.

Wir gehen auf dem Loddenweg weiter in östliche Richtung und schwenken dann bei der Speckbrett-Anlage 3 . In nördliche Richtung gehend, erreichen wir den Bereich, der demnächst das Wohngebiet Nördliches Osttor 4 in Hiltrup sein wird. Etwa eintausend Wohneinheiten sollen entstehen. Die bald hier lebenden Menschen werden also die Einwohnerzahl Münster-Hiltrups von derzeit ca. 25.000 ein Stück weit nach oben treiben. Wir sehen hier die eher traditionelle Methode, neuen Wohnraum zu schaffen: Am Rand der schon vorhandenen Bebauung freie Flächen finden, erwerben, erschließen und bebauen bzw. bebauen lassen.
Wir erreichen Haus Maser 5 , einen früheren Herrensitz, der heute verpachtet ist und nach wie vor landwirtschaftlich genutzt wird. Im Giebel einer Scheune sind die Wappen der Adelsfamilien von Heereman und von Vischering zu erkennen.

Foto: Cornelia Höchstetter
Pängelanton plus Museum: draußen stehen Raritäten der Eisenbahntechnik, innen ein Sammelsurium historischer Exponate.

ETAPPE 2 – VOM HAUS MASER BIS ZUM PÄNGELANTON

Am Haus Maser wenden wir uns nach links, gehen aber den Wiesenweg um den Hof herum, der linker Hand liegt. Hier sollten wir einmal kurz innehalten, uns ins Bewusstsein holen, dass wir in der 300.000- Einwohner-Stadt Münster unterwegs sind und uns dann langsam und mit offenen Augen in einem 360-Grad-Schwenk um uns selbst drehen: Felder, Wiesen, Wälder um uns herum, von Großstadt keine Spur; einzig der weit voraus sichtbare Fernsehturm konterkariert ein wenig das Bild dieser grünen Landidylle.

Wir halten uns links entlang des Waldrands, biegen bei der nächsten Möglichkeit nach rechts ab und sind nun in den Großen Lodden. Lodden ist das niederdeutsche Wort für die jungen Triebe der Kopfweiden. Nach ca. 600 m passieren wir den Heereman-Kotten 6 und gelangen dann auf den Heeremansweg. Rechts sehen wir das weitläufige Gelände des York-Quartiers 7 . Auf dem Gelände der seit 1945 von der Britischen Rheinarmee genutzten York-Kaserne entsteht ein großes Wohn- gebiet mit 1.800 Wohneinheiten. Hier begegnet uns die andere Möglichkeit, neuen Wohnraum zu schaffen: Konversion, neue Nutzung alten Geländes und auch alter Bauten. Das York-Quartier reiht sich also ein in die nicht kleine Liste anderer Konversionsprojekte, wie z. B. Lincoln-Quartier, Meerwiese oder Germania Campus.

Wir folgen dem Heeremansweg weiter bis zum Hotel Münnich. Dort gehen wir nach rechts und durchqueren auf dem Fußweg das kleine Wäldchen bis zum Letterhausweg 8 , auf dem wir bis zum Albersloher Weg gehen.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Albersloher Wegs sehen wir eine historische Dampflokomotive stehen, den Pängelanton 9 . Der eigentümliche Name erklärt sich so: Im westfälischen Raum wurden die Dampflokomotiven auf kleinen Strecken oft so genannt, weil sie bei den häufigen Querungen von Straßen und Wegen, die nicht durch Schranken gesichert waren, ein akustisches Warnsignal von sich geben mussten. Das Anschlagen einer Glocke hörte sich an wie päng, päng, päng... Die von Münster über Sendenhorst bis nach Beckum verlaufende Bahnstrecke wurde 1903 eröffnet und von der Westfälischen Landeseisenbahn GmbH (WLE) betrieben. 1975 wurde der Betrieb eingestellt. Es ist jedoch beschlossene Sache, die Bahnstrecke für den Personenverkehr zu reaktivieren, der Neustart ist für 2025 geplant. Die WLE-Strecke wird als Teil eines zukünftigen S-Bahn-Netzes Münsterland beitragen.

Foto: Cornelia Höchstetter
Die „Alte Schießmauer“ ist eine Skulptur der Hamburger Künstlerin Gabriele Staarmann im Friedenspark.

ETAPPE 3 – GEWERBEGEBIET LODDENHEIDE
MIT FRIEDENSPARK

Dem Albersloher Weg folgen wir in nordwestliche Richtung und unterqueren die Güterumgehungsbahn. Wir sind nun im Bereich Loddenheide 10 und erreichen zunächst die Kreuzung mit der links abgehenden Straße An den Loddenbüschen.

Wer seinen BusGang nicht in einem Rutsch, sondern an zwei Tagen absolvieren möchte, kann auf der nordöstlichen Seite des Albersloher Wegs von der Haltestelle Heumannsweg aus mit einem Bus der Linien 6 oder 8 zum Hauptbahnhof fahren.

Die Loddenheide hat eine bewegte Vergangenheit. Bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts umfasste sie mehr als 5 km2 Fläche; das Areal war mit Wallhecken umgeben und wurde seinerzeit vornehmlich als Weidefläche und für die Jagd genutzt. Im Siebenjährigen Krieg (1756–1763) begann ihre militärische Karriere, als Truppen der Preußen und ihrer Alliierten hier lagerten und Übungen abhielten. 1835 wurde eine Pferderennbahn eröffnet; die Fußballer des 1906 gegründeten Vereins Preußen Münster trugen anfangs hier ihre Matches aus; ab 1909 gab es einen Startplatz für Ballone, Luft- schiffe und Flugzeuge, aus dem nach dem 1. Weltkrieg der erste münstersche Flugplatz entstand.

Die Nationalsozialisten machten 1934 aus dem zivilen Flugplatz Loddenheide einen Militärflughafen. Er war damit neben dem Flugplatz Münster-Handorf der zweite Luftwaffen-Standort in Münster. Nach dem 2. Weltkrieg nutzte das britische Militär das Gelände, allerdings nicht als Flugplatz, sondern als Standort für Kasernengebäude und als Schieß- und Übungsgelände. 1993 verließen die letzten britischen Soldaten die Loddenheide. Alle militärischen Gebäude, mit Ausnahme der Kapelle, wurden anschließend abgebrochen und das gesamte Gelände für seine zukünftige Nutzung als Gewerbepark vorbereitet. Was daraus geworden ist, können wir bei unserem Gang durchs Gelände sehen.

Wir folgen weiter dem Albersloher Weg, kommen am Gebäude der Oberfinanzdirektion vorbei und biegen dann nach links auf den Martin-Luther-King-Weg, dem wir für ca. 650 m folgen. Im Linksknick der Straße gehen wir auf dem Fußweg weiter geradeaus und an der bald folgenden Wegekreuzung nach rechts. Dann folgen wir dem Weg im Grünen geradeaus und sehen nach 200 m rechts einen Hügel in der Wiese. Wir befinden uns jetzt schon im Zentrum des Friedensparks 11 . Bei der landschaftsgärtnerischen Gestaltung des Parks hat man sich die münsterländische Parklandschaft zum Vorbild genommen und versucht, deren Elemente auf der vorhandenen begrenzten Fläche in einem urbanen Umfeld zur Geltung zu bringen. So gehören Grünflächen, Baumgruppen, Hecken und eine Wasserfläche zum Park; über ein dichtes Netz von Fuß- und Radwegen sind die vielen interessanten Punkte zu erreichen.

Wir folgen weiter dem Weg in nordwestliche Richtung und biegen dann nach rechts ab auf den Willy-Brandt-Weg. Nach 150 m stehen wir vor der Friedenskapelle 12 . 1953 als Kapelle für die hier stationierten Soldaten der britischen Garnison erbaut, ist sie das einzige erhaltene Gebäude aus der früheren militärischen Bausubstanz. 2003 erwarb der Kaufmann Hendrik Snoek das Gebäude, ließ es aufwändig restaurieren und brachte es in eine Stiftung ein. Die Friedenskapelle ist heute ein attraktiver Ort vor allem für musikalische Veranstaltungen.

Direkt hinter der Kapelle gehen nach rechts und sind nach knapp 200 m wieder im Grünbereich. An der Wegekreuzung stehend, sehen wir voraus die rosafarbene Skulptur Die alte Schießmauer 13 der Hamburger Künstlerin Gabriele Starmann. Wir überqueren, nach links gehend, die stillgelegten Bahngleise und stehen nach wenigen Metern im Schatten der vom Dalai Lama 1998 gepflanzten Friedenskastanie 14 . Wir gehen dann entlang des rechts von uns liegenden Friedenssees 15 und kommen zurück zum Albersloher Weg.

Die Tour geht im BusGang-Buch mit vielen weiteren Erläuterungen, die wir hier aus Platzgründen abgekürzt haben, über Haus Lütkenbeck und über den Lütkenbecker Weg, die Kanalbrücke und die Schillerstraße zurück zum Bahnhof.

busgang.de

BusGang Münster.
Der urbane Wanderführer.
Ulrich Gerbing. 224 Seiten,
172 Illustrationen, 19 Wanderstrecken. Paperback. BusGang Verlag 2021, ISBN 978–3–9823445–0–8, 19 Euro.

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