Foto: Oliver Breitenstein

Menschen

games of cash

Zuerst erschienen im MÜNSTER! Magazin #111 (März 2022).

Ist das Kunst oder kann ich das behalten? Das wird sich wohl so manch einer fragen, wenn er auf einem Laternenpfahl, einer Hauswand oder einer Litfaßsäule einen angeklebten 5-Euro-Schein entdeckt. In diesem Fall ist die Antwort klar: Beides! Die Chancen, in Münster einem schwarz beschrifteten Schein – oder gar einem ganzen analogen „Geldautomaten“ – zu begegnen, sind gar nicht so schlecht. So gut wie jeden Tag ist Künstler Oliver Breitenstein in der Stadt unterwegs, den Klebestift, Edding und ein paar Fünfer immer griffbereit und seine Mission im Kopf: „Gekommen, um die Menschheit von den Fesseln des Kapitalismus zu befreien“, so heißt es auf seinem Instagram- Profil, auf dem er die Aktion als @games_of_cash dokumentiert. Für dieses Ziel verschenkt Olli Geld. Jeden Tag. Etwa 5000 Euro hat er seit Beginn des Projektes verklebt – und er gedenkt nicht, in naher Zukunft damit aufzuhören.

Doch was will der Künstler mit der ungewöhnlichen Aktion erreichen? „Deutschland ist so ein reiches Land, und trotzdem leiden hier 16 Prozent der Menschen an Armut. Das darf nicht sein!“, kritisiert Olli den Status Quo. Die Idee hinter seinem Projekt Games of Cash ist, einen anderen Blick auf Geld, Finanzpolitik und soziale Gerechtigkeit zu werfen. Milliardäre würden ihr Vermögen verdoppeln, während andere in die Armut abrutschten, so Olli. Das könne nicht richtig sein. „Sozialismus und Zwangswirtschaft finde ich aber auch blöd.“ Also suchte der Künstler einen Weg, seinen Teil zu ein bisschen mehr sozialer Gerechtigkeit beizutragen – und begann, Scheine mit humoristischen Botschaften zu beschriften und sie im Stadtbild zu verteilen. Die Idee dahinter ist, dass die Aktion Nachahmer findet und auch andere Münsteraner Geldbeutel und Klebestift zücken. Denn: „Münster hat 300.000 Einwohner. Würden alle jeden Monat auch nur zehn Euro an die Straße hängen, wären das drei Millionen Euro, die jeden Monat im öffentlichen Raum hingen und von jedermann geerntet werden dürften“, rechnet Olli vor. Geld als Public Domain – das würde einiges verändern, so die Idee hinter Games of Cash.

Foto: Oliver Breitenstein
Künstler Olli klebt nicht nur einzelne Scheine, sondern auch ganze ana­ loge „Geldautomaten“ an Münsters Hauswänden an. Insgesamt hat er so seit Beginn der Aktion schon 5000 Euro unter die Leute gebracht.
Foto: Anne Steffens

ÄSTHETISCH UND KONZEPTUELL ANSPRECHENDE ORTE

Olli, der aus dem Ruhrpott stammt, Freie Kunst in Enschede studierte und sich seit über 30 Jahren in Münster zuhause fühlt, hatte die Idee zu Games of Cash schon vor acht Jahren. Die Pandemie nahm er als Anlass, das Projekt wieder nach vorn zu bringen und es auf den sozialen Medien zu dokumentieren. So kann man auf Instagram und Facebook verfolgen, wie der Künstler Tag für Tag seine Scheine beschriftet – mit flotten Sprüchen wie ‚Für arme Schweine‘, ‚Geiz ist ungeil‘ oder auch einfach mal mit einem schlichten ‚Moin‘ – und in Münster verteilt. Welche Hauswand, welcher Laternenpfahl die Ehre hat, beklebt zu werden, hängt von zweierlei Faktoren ab: „Zum einen sind es ästhetisch ansprechende Orte, ich fahre total auf Street Art, Sticker und Graffiti ab!“. So verstecken sich Ollis Scheine oft auf bunt besprühten und schon voll beklebten Wänden. „Dann gibt es aber auch Orte, die konzeptuell ansprechend sind. Wie etwa das Finanzamt, da konnte ich nicht widerstehen und musste ein Scheinchen mit dem Spruch ‚Schwarzgeld‘ aufkleben“, schmunzelt der Künstler. Auch auf dem Schild am Rewe, auf dem steht, welche Zahlungsmittel der Laden akzeptiert, klebte einst ein Fünfer von Olli – „Bar zahlen geht ja schließlich auch!“.

Foto: Oliver Breitenstein
Fast jeden Tag ist Olli unterwegs und verklebt Scheine. Neben Münster sind auch schon Bremen, der Ruhrpott und sogar Lissabon und London in den Genuss seiner Groß­zügigkeit gekommen.
Foto: Anne Steffens

Einen Schein am Tag versucht Olli, Jahrgang 61, mindestens zu verkleben. „Manchmal, wenn ich spontan Lust und ein bisschen Geld überhabe, auch mehr“. Und dann gibt es da ja auch noch die analogen Geldautomaten als alternative Präsentationsform. An einem bunt gestalteten Pappkarton hängen dann zehn Fünf-Euro-Scheine, an denen sich jeder bedienen darf, der es gerade nötig hat. Geht eine so spendable Art von Kunst nicht irgendwann ins Geld? Olli finanziert sich – und Games of Cash – mit anderen künstlerischen Projekten, hat ab und an kleine Lehraufträge mit FSJ-lern und gibt pädagogische Begleitseminare. Auch Projektförderung durch Institutionen und künstlerische Stipendien helfen ihm dabei, die Aktion weiterhin umsetzen zu können. Langfristig ist die Idee, das Projekt auch über Crowdfunding zu finanzieren. Aber bis dahin kommt das Geld – wortwörtlich – aus Ollis eigener Tasche. Mit an Bord ist seine Frau, die ebenfalls Scheine beschriftet („Von ihr kommen die schönen Scheine, von mir die Trash-Scheine“, so Olli) und die Klebe-Aktionen für die sozialen Medien festhält. Übrigens kommt nicht nur Münster in den Genuss von Ollis Großzügigkeit: Als er las, dass Bremen das Bundesland mit der größten Armut sei, fuhr er hin, um dort ein paar Scheine zu verteilen. Auch im Ruhrgebiet und sogar im Urlaub in Lissabon und London hat Olli schon Geld an Hauswände geklebt. „In London war es dann natürlich ein Pfund-Schein!“

Foto: Oliver Breitenstein
Die Sprüche auf den Scheinen, die Olli in Münster verklebt, kommen ihm meist spontan in den Kopf – er führt aber auch eine Liste, auf der er Ideen sammelt.

SCHNITZELJAGD NACH SCHEINEN

Spannend wäre es, zu wissen, wie lange die Scheine in der Öffentlichkeit hängen, bis jemand sie entdeckt und sich außerdem „traut“, das Geld an sich zu nehmen – sicherlich hält auch so mancher Skeptiker die Aktion für einen Scherz oder den Euroschein für Spielgeld. „Manchmal mache ich beim Einkaufen einen Schlenker mit dem Fahrrad, um zu schauen, ob der Fünfer noch hängt, den ich ein paar Stunden zuvor aufgeklebt habe“, verrät Olli. Manche seien blitzschnell weg, andere würden auch mal länger die Wände schmücken. Ab und zu bekommt Olli Rückmeldung auf den sozialen Medien – die Finder schicken ihm dann ein Foto von dem Schein und bedanken sich. „Die Leute haben nämlich nicht nur Spaß daran, das Geld zu finden und auszugeben. Einige wollen die Scheine auch als Sammelobjekt besitzen“, erklärt Olli. Dieser Mechanismus aus dem Gaming-Bereich – Olli spielt selbst gerne am Computer – soll die Aktion fördern und noch attraktiver machen, wie eine Art Schatzsuche. Damit will Olli auch ein Publikum erreichen, das nicht so sehr an der klassischen Museumskunst interessiert ist, sondern eher aus der Streetart- und Gaming-Szene kommt.

Foto: Anne Steffens
Olli studierte Freie Kunst in Enschede und lebt seit über 30 Jahren in Münster. „Ich finde, inzwischen darf ich mich Münsteraner nennen!“

Feedback zu bekommen, ist für Olli wichtig. „Es ist interessant, zu sehen, was mit den Scheinen passiert!“ Wenn er Fotos von gefundenen Scheinen zugeschickt bekommt, teilt er diese auch gerne mit der Öffentlichkeit. Die ganze Aktion sei schließlich auch ein Kommunikationsspiel. Das hebt der Künstler hervor: Bei Games of Cash gehe es nicht um eine bitterböse Kapitalismuskritik – vielmehr soll die Aktion auf spielerische Art auf das aufmerksam machen, was in der Welt der Finanzen Ollis Meinung nach falsch läuft. Angeschlossen haben sich der Aktion bis jetzt nur vereinzelte Münsteraner. „Wahrscheinlich muss man dafür auch einen kleinen Hau haben“, lacht der Künstler. Für ihn sei das Scheine-Kleben inzwischen fast wie eine Sucht, er könne gar nicht mehr ohne. „Und solange ich es mir erlauben kann, mache ich es auch weiter.“ Von so viel Leidenschaft für die Sache kann man sich eine Scheibe abschneiden – oder einfach mal selbst einen Fünfer verkleben!

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