Foto: Katharina Hein

Menschen

die technologie der weiblichkeit

erschienen im MÜNSTER! Magazin No. 106 (Oktober 2021)

Grelles Licht, zu wenig Platz in der Kabine und dann auch noch die falsche Größe erwischt – aber keine Lust, sich wieder anzuziehen und eine andere herauszusuchen, die dann eventuell auch nicht passt? So sieht der BH-Kauf wohl bei vielen Frauen aus. Wegen fehlender Zeit und Motivation und vor allem aufgrund des mangelnden Wissens, wie ein perfekter BH zu sitzen hat, greift der Großteil der Frauen bei der Wahl der Unterwäsche oft daneben. Um genau zu sein: 80 Prozent der Frauen tragen täglich einen nicht passenden BH. Zwar gibt es in einigen Unterwäsche-Geschäften bemühte Beraterinnen, doch nicht jede Kundin fühlt sich wohl dabei, sich vor einem fremden Menschen zu entkleiden, um den perfek- ten Sitz zu ermitteln. Bestellt man seinen BH online, hat man dieses Problem zwar nicht. Die mangelnde Kenntnis über Modelle und Größen, die zur eigenen Brustform passen, führt allerdings dazu, dass 75 Prozent der online geshoppten BHs zurückgeschickt werden.

Genau dieses Problem hatte auch Melanie Wagenfort. In Gesprächen mit Freundinnen und Kolleginnen stellte die 33-Jährige fest, dass sie damit keineswegs alleine war – unabhängig von Körbchen- und Konfektionsgröße klagen Frauen über schlecht sitzende BHs, die zu Unwohlsein, einer unvorteilhaften Silhouette unter der Kleidung und einem unguten Körpergefühl führen. Im schlimmsten Fall verursacht die falsche BH- Größe dauerhafte Rücken-, Kopf- und Nackenschmerzen oder Hautirritationen durch einschneidende Träger. Dieser Umstand ließ Melanie Wagenfort nicht mehr los. „Das muss sich ändern!“, dachte sie sich und rief Brajuu ins Leben: Den Online-Marktplatz für perfekt passende Unterwäsche. Die Mission: Jede Frau soll auf einfachem Wege den BH finden, der ihr ideal passt und dafür sorgt, dass sie sich den ganzen Tag wohl, stark und schön in ihrem Körper fühlt.

Foto: Arne Bornheim
Powerfrau: Weibliche Gründerinnen sind insbesondere in der Tech-Szene immer noch unterrepräsentiert. Das ändere sich zwar langsam, so Melanie – „Aber da geht noch mehr!“

DAS PRODUKT VERSTEHEN LERNEN

Doch wie wird aus einer fixen Idee ein eigenes Startup? „Ich habe Psychologie und BWL studiert, hatte keinerlei Erfahrung in der Textilindustrie und anfangs auch keine Ahnung von Technologie – damit war ich eigentlich nicht besonders qualifiziert für die Gründung“, gesteht Melanie lachend. Doch der Wunsch, das Problem zu lösen und damit eine Marktlücke zu schließen, lieferte den nötigen Antrieb. So hieß es erst einmal: Wissen aneignen. „Ich habe alles gelesen, was ich über BHs finden konnte. Ich habe Nähen gelernt und sogar Dessous-Nähkurse belegt, um dieses Produkt wirklich zu verstehen“, berichtet die gebürtige Münsterländerin. Und so kam es Ende 2019 zur Gründung von Brajuu, seit April 2020 ist die Website live. Im Sommer 2021 siedelte das Startup, das inzwischen fünf Mitarbeiter*innen zählt, von Aachen nach Münster über.

Und so funktioniert das Ganze: Auf brajuu.com können BH-Suchende das sogenannte Fit-Quiz machen. In diesem gibt man ganz anonym einige Infos zur eigenen Brustform, den indiviuellen Bedürfnissen und bisherigen BH-Präferenzen an. Die Fragen reichen von der Marke des aktuellen Lieblings-BHs über die getragene Körbchen- und Brustumfanggröße bis hin zum Sitz von Trägern und Verschluss. Ein Maßband wird für die Antworten nicht benötigt. Keine drei Minuten später kann man schließlich noch einen Preisrahmen angeben, und schon schlägt der Algorithmus einem einige passende Modelle vor. Findet man darunter einen BH, der einem zusagt, kann man den Kauf entweder direkt auf Brajuu’s Online-Marktplatz tätigen oder sich zum entsprechenden Partner-Shop weiterleiten lassen. So nimmt Brajuu quasi die Rolle des Vermittlers zwischen Kundin und Online-Händler ein. Durch die Beratung mittels FitQuiz wird der BH-Kauf für die Kundinnen vereinfacht, und die Online-Shops haben idealerweise mit weniger Retouren zu kämpfen – was durch geringere CO2-Emissionen auch der Umwelt zugutekommt.

Foto: Brajuu
Nur drei Minuten dauert das FitQuiz auf brajuu.com, bei dem man Fragen zur Brustform, -größe und BH-Vorlieben beantwortet. Aus diesen ganz individuellen Angaben ermittelt der Algorithmus anschließend in Sekunden den perfekten BH.

KEINE GRÜNDUNG OHNE HÜRDEN

Soweit die Idee. Und obwohl diese gut ist, gab es auch Phasen in der Gründung, in denen Melanie Zweifel und Sorgen hatte. „Es hat auch Zeiten gegeben, in denen wir viele Absagen bekamen, das sorgt dann natürlich für Selbstzweifel. Aber das ist normal, eine Gründung ist immer mit Hürden und Unsicherheiten verbunden. Wer sagt, dass es immer nur geradeaus geht, lügt auf jeden Fall!“ Die größte Herausforderung im Gründungsprozess laut Melanie: „Man selbst! Man kann sich total im eigenen Weg stehen, wenn man sich von Rückschlägen und schlechtem Feedback herunterziehen lässt.“ Stattdessen haben Melanie und ihr Team die Kritik als Antriebsmotor genutzt, um sich selbst zu hinterfragen und noch besser zu werden. Das Learning: Resilienz ist eine der wichtigsten Kompetenzen. Und Gründen immer auch mit persönlichem Wachstum verbunden.

Foto: Katharina Hein
Love Yourself: Brajuu steht ganz unter dem Motto der Selbstliebe. Mit Hashtags wie #alltitsaregoodtits, #bodypositivity und #femaleempowerment soll verdeutlicht werden, dass jede Frau schön ist – ganz egal, welche Form ihre Brüste haben.

LUFT NACH OBEN IN DER INKLUSION

Eine zusätzliche Hürde, die eigentlich schon längst keine mehr sein sollte: Als weibliche Gründerin hat man es in der Startup-Szene nicht leicht, weil man noch immer eine Exotenstellung innehat. Gerade die Finanzierung eines sehr frauenzentrierten Produktes wie Brajuu ist anspruchsvoll, da es kaum weibliche Investorinnen gibt – die Branche ist sogar noch stärker männlich dominiert als die Gründer*innenszene selbst. Das sei eine systemische Herausforderung, vor der aber nicht nur Frauen stünden, so Melanie. Auch andere Jungunternehmer*innen mit gründungsaversem Hintergrund – etwa Menschen mit Migrationshintergrund oder Arbeiterkinder, die nicht in einer Unternehmerfamilie hineingeboren wurden – müssen härter als andere dafür kämpfen, um es mit ihrem Startup zu schaffen. „Da muss die Szene noch viel inklusiver werden, damit nicht nur Männer zwischen 25 und 35, die aus einem reichen Elternhaus kommen, erfolgreich gründen können. Es ändert sich gerade schon einiges, aber das ist noch ein weiter Weg“, findet Melanie.

Foto: Arne Bornheim
Kreativ: Sowohl auf ihrem Instagram-Kanal (@brajuuofficial) als auch auf der Website (brajuu.com) widmen sich Melanie und ihr Team dem Thema Brüste. Mit viel Humor und Wissen klären sie zum Beispiel Mythen rund ums Thema Büstenhalter auf.

Auch in Münster ist die Startup- und insbesondere die Tech-Szene noch recht männlich dominiert. Unter den wenigen Gründerinnen ist man jedoch extrem gut vernetzt – man unterstützt sich gegenseitig und öffnet einander Türen, wo man kann. „Das ist total hilfreich. In schwierigen Situationen kann man die anderen fragen, wie sie mit dieser Herausforderung umgehen würden. Außerdem spielt man einander Informationen zu, indem man sich z.B. gegenseitig auf passende Förderprogramme aufmerksam macht.“ Einen Unterschied in den Qualitäten männlicher und weiblicher Führungskräfte sieht Melanie nicht. „Grundsätzlich liegt es doch am Individuum, wie man ein Startup gründet und führt, und nicht am Geschlecht.“

ALLES AUF WACHSTUM

Auch durch dieses starke Netzwerk konnte Brajuu in den vergangenen Monaten wachsen. Seinen Profit erwirtschaftet das Startup durch die Kooperationen mit den Online-Shops – bei erfolgreicher „Vermittlung“ von Kundin und BH bekommt Brajuu eine Provision. „Aktuell sind wir allerdings sehr wachstumsorientiert. Das heißt, dass wir mehr investieren möchten, als wir einnehmen“, erklärt Gründerin Melanie. Dafür braucht man natürlich externes Kapital. Da es gerade für sehr junge Unternehmen schwierig ist, dieses über Bankkredite zu bekommen, spielen Investor*innen eine große Rolle. „Wir haben unglaublich viel genetzwerkt und waren auf unzähligen Veranstaltungen, wo wir uns und unser Produkt immer wieder präsentiert haben. Das ist wirklich eine Fleißaufgabe!“, so Melanie. Doch es hat sich gelohnt. Seit Juli 2021 wird das Startup durch vier erfahrene Investorinnen und Investoren unterstützt, die sich an Brajuu beteiligen.

Foto: Arne Bornheim
Remote First: Melanie und ihre Kolleg*innen, hier mit Co-Geschäftsführer Marco Preuß, arbeiten fast ausschließlich im Home Office. Wenn ihnen zuhause mal die Decke auf den Kopf fällt oder Konferenzen anstehen, treffen sie sich in ihrem Büro im Digital Hub MünsterLAND am Hafen.

Doch dieser Erfolg bedeutet keineswegs, dass das Brajuu-Team sich seitdem auf die faule Haut legt. Melanie und ihre Mitarbeiter*innen arbeiten weiter fleißig daran, das Produkt – ihre Technologie – zu verbessern. Langfristig ist der Plan, die Plattform so weit auszubauen, dass sie DIE Anlaufstelle in der Onlinewelt für Unterwäsche und zukünftig auch für Bademode wird. Das Ziel ist daher, die Technologie von Brajuu auch an andere große Online-Shops zu vertreiben, sodass – neben dem eigenen Marktplatz – eines Tages jeder Kauf von Unterwäsche durch Brajuu unterstützt wird. „Das ist einfach zeitgemäßer als die ollen Maßtabellen, die man bisher in den Shops findet!“, erklärt Melanie ihre Ambitionen. Dementsprechend besteht der Arbeitsalltag des Brajuu-Teams momentan daraus, Partnerschaften zu akquirieren, das Produkt weiterzuentwickeln und durch Marketing-Maßnahmen Besucher*innen auf die Website zu holen. „Langweilig wird es auf jeden Fall nicht, weil jeder Tag ein bisschen anders aussieht!“

Foto: Arne Bornheim
Um sich in die Thematik einzuarbeiten, besuchte Melanie sogar Dessous-Nähkurse. „Zwar nicht mit besonders großem Erfolg“, lacht die Gründerin – aber immerhin weiß sie jetzt ganz genau, was es bei der Wahl des perfekten BHs alles zu beachten gilt.

AB INS KALTE WASSER!

Melanie will auch andere junge Gründer und insbesondere Gründerinnen dazu ermutigen, einfach mal loszulegen, wenn man eine gute Idee hat. „Kaltes Wasser wird nicht wärmer, wenn man später springt!“, so ihr Motto. „Gerade wenn man Angst und Zweifel hat, ob man sich das wirklich zutraut, ist das meist ein super Zeichen dafür, dass man die notwendige Selbstreflektion hat. Am Anfang weiß bei einer Gründung schließlich niemand so richtig, was er tut.“ Melanie findet, dass wir eine andere Definition von Erfolg brauchen. Statt sich vorzunehmen, das neue Facebook zu erfinden, sollte der Weg das Ziel sein. Vielleicht komme auf diesem Weg ein tolles neues Unternehmen heraus, vielleicht auch nicht – beides sei okay. Bei Brajuu sieht der Weg jedenfalls schon einmal vielversprechend aus!

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