Naturpark Hohe Mark
Foto: Astrid Auböck/Naturpark Hohe Mark

Zu Fuß

Spuren im sand

Zuerst erschienen im MÜNSTER! Magazin #109 (Januar 2022).

Überraschung Nummer eins: Östlich von Borken geht’s gut bergauf (eher die Ausnahme im Münsterland). Der Fliegerberg liegt 87,7 Meter über Normalnull, der Lünsberg selbst 92,5 Meter und der Tannenbültenberg ist sogar 104,7 Meter hoch! Überraschung Nummer zwei: Sand, soweit das Auge blickt. Überraschung Nummer drei: ein Gipfelkreuz mit -buch. Diese Winterwanderung ist ein Naturschauspiel mit historischen Einlagen. Für die Borkener ist der Lünsberg in den Borken- Ramsdorfer Bergen (ein Ausläufer der Hohen Mark) seit jeher Naherholungsgebiet. Und das, obwohl hier in den letzten 100 Jahren einiges los war. Für junge Männer war der heute so genannte Fliegerberg der Weg hin zu „über den Wolken“. „In den 1920er Jahren fing es an: Eine Gruppe von katholischen jungen Männern hatten sich zusammengetan und mit eigenen Händen Segelflugzeuge gebaut“, erzählt Helmut Kamps vom Luftsportverein Borken. Der 63-Jährige ist selbst seit 1977 Segelflieger. Sein Verein hat sich aus den ersten Flugversuchen dieser „Katholischen Jungmännervereine Borken“ entwickelt. Helmut Kamps kümmert sich um die Chronik der Vereinsgeschichte und kennt viele historische Belege und Daten. So fing alles an: 1930 gab es im benachbarten Bocholt einen Großflugtag auf dem Gelände der Schule in Mussum. Die Borkener wollten dem nicht nachstehen.

Fliegerberg Foto: Hermann Grömping

„Die jungen Männer bauten sich ihre Segelflieger selbst!“, weiß Helmut Kamps. Anfangs starteten die Flieger am Hang, angetrieben über ein Gummiseil und eine Haltemannschaft, die wie beim Tauziehen am Seil zogen und den Flieger in die Luft katapultierten. „So hopste das Flugzeug den Hang runter“, erklärt der Vereinschronist. „Aber Borkener Segelflieger sind auch um die 50 Kilometer weit geflogen – nur nicht vom Fliegerberg aus.“ Mitte der 1930er Jahre reisten die Borkener Männer sogar in die Rhön – auf der dortigen Wasserkuppe wurde 1911 das Segelfliegen ohne Motor von Darmstädter Studenten quasi erfunden. Als dann Mitte der 1920er Jahre das Prinzip der thermischen Aufwinde bewiesen wurde, ging es im wahrsten Sinne des Wortes aufwärts mit dem Segelfliegen. Genau deshalb zog es die Borkener zur Wasserkuppe – „ein Auto hatten sie, das zog das Flugzeug vom Münsterland in die Rhön. Der Rest der Mannschaft fuhr mit den Fahrrädern und Mopeds hinterher und gelangten über das Sauerland erst Tage später zum Ziel“, erzählt Helmut Kamps. 

Das war ein schönes Hobby und ein mutiger sowie ehrgeiziger Sport – bis im Regime der Nationalsozialisten im April 1937 der Deutsche Flugsportverband mit seinen Vereinen in das Nationalsozialistische Fliegerkorps zwangsweise überführt wurden. „Den Fotos zufolge herrschte dann ein militärischer Drill, inklusive Uniformen und Hakenkreuzbinden“, sagt Helmut Kamps Nach dem Zweiten Weltkrieg war gemäß dem Potsdamer Abkommen Fliegen verboten. So forsteten die Borkener den Flugplatz auf. Der Betrieb kam erst wieder in Gang, als 1951 die Fliegerei wieder zugelassen wurde. „Also wurden die jungen Pflanzen wieder abgeholzt und eine Halle sowie Unterkünfte gebaut“, sagt Helmut Kamps, „davon sollen noch Fundamente zu entdecken sein.“ So gründete sich der Verein neu und ist wegen der Kasernenerweiterung der Bundeswehr seit 1972 weg vom Fliegerberg und seit 1975 in Hoxfeld auf der westlichen Seite Borkens zu Hause. Die Gummiseile und die starken Männerarme sind längst abgelöst durch Motorwinde und Schlepp- Flugzeuge. „Heute hat manches Segelflugzeug noch einen ausklappbaren Motor zum Starten an Bord“.

DER BEGINN DER BORKENER SEGELFLIEGER 

So steht in der Chronik für das Jahr 1931: „Die Mitglieder der Katholischen Jungmännervereine aus Borken mit ihrem Präses Kanonikus Janssen stellten einen ansehnlichen Betrag zum Bau eines Segelflugzeuges zur Verfügung … Die Gründung des Segelflugvereins erfolgte im September 1930 in der Gaststätte Bossmann, Am Markt, unter Leitung des Lehrers Klaus Laas. Dem Segelflugverein war eine Modellbaugruppe unter Leitung von Lehrer Wöbkenberg angegliedert.“ Und weiter heißt es für den 26. Juli 1931 in der Chronik: „Erstes selbstgebautes Flugzeug (und zugleich erstes Segelflugzeug des Westmünsterlandes): Typ Zögling, wurde vom Bürgermeister Leo Müller auf den Namen „Hendrick de Wienen“ getauft. Bauleiter war Schreinermeister B. Bietenbeck.“ Im Oktober 1931 war es so weit: „Eröffnung des Flugplatzes auf dem Galgenberg, später von der Bevölkerung „Fliegerberg“ genannt, am Dülmener Weg. Das Gelände wurde von der von Landsbergschen Verwaltung als Fluggelände zur Verfügung gestellt. Erster Pilot war der zu der Zeit weithin bekannte Segelflieger Polizeimeister Bertschat aus Münster. Es gab vor 4 – 5.000 Zuschauern Flugvorführungen. 
lsvborken.de

Fliegerberg Foto: Archiv LSV Borken
Als die Borkener fliegen lernten, gab es noch keine Motorwinde. Mit der Kraft der Hände zogen die Männer das Segelflugzeug in die Luft.
Fliegerberg Foto: Archiv LSV Borken

MILITÄRGELÄNDE UND ABENTEUERSPIELPLATZ 

Bis 2006 nutzte die Bundeswehr das etwa 230 Hektar große Gebiet als Standortübungsplatz und Kasernengelände. Davon zeugen Reste eines ehemaligen Munitionsdepots und Schießbahnen. Daran und an andere Zeiten erinnert sich der Borkener Hermann Grömping, 68 Jahre alt. „Ich kenne schon mein ganzes Leben lang den Fliegerberg“ – als Jugendlicher saß er auf seiner Lieblingsstelle an der Hangkante und sah dem Segelflug-Betrieb unten auf der Start- und Landebahn zu. „Das fand ich toll.“ Später war der Standortübungsplatz für Hermann Grömping ein Abenteuerspielplatz, mit all den Manövergräben. Der Aufenthalt war nicht verboten. Weil der Berg immer schon das Naherholungsgebiet der Borkener war, war der Zutritt immer dann möglich, wenn die Bundeswehr keine rote Flagge hisste. Zwischenzeitlich war die ehemalige Landebahn, daran erinnert sich Hermann Grömping gut, „ein Hundetreff für ganz Westfalen“ – so kam es ihm vor, wenn alles zugeparkt war und die Hunde auf den weiten Sandflächen tobten. Des einen Freud’, des anderen Leid: „Das war das Ende aller Bodenbrüter“, bedauert Grömping. Der frühere Leiter der Naturschutzbehörde im Kreis Coesfeld engagiert sich in seiner Heimatstadt Borken schon seit langem für den Natur- und Vogelschutzverein. Deshalb begrüßte er, als der Fliegerberg 2011 zum Naturschutzgebiet erklärt wurde. „Heidelerche und Baumpieper kommen langsam zurück“, zählt er zwei von vielen seltenen Vogelarten auf.

Fliegerberg Foto: Archiv LSV Borken
Fliegerberg Foto: Archiv LSV Borken

Eigentümerin der Fläche ist heute die Gesellschaft der Deutschen Bundesstiftung Umwelt zur Sicherung des Nationalen Naturerbes (DBU Naturerbe GmbH) mit Sitz in Osnabrück. Sie ist seit 2018 Eigentümerin der Liegenschaft, die zu einem Großteil auch als Naturschutzgebiet ausgewiesen ist. Siobhan Loftus ist Mitarbeiterin bei der DBU Naturerbe GmbH und erklärt: „Die sandgeprägten kargen Offenflächen um den Lünsberg sind für Westddeutschland ziemlich selten gewordene Biotope. Auf dem sandigen und trockenen Boden wachsen artenreiche Magerrasen und teilweise noch Heide, die einst typisch für die ehemalige Kulturlandschaft des Münsterlandes waren. Sie sind von strukturreichen, halboffenen Waldrändern und altem Kiefernforst umgeben.“ Damit Magerrasen und Heideflächen sowie die offenen Sandflächen bleiben, hat die DBU auf der ehemaligen Landebahn eine Weide eingezäunt. Zwei schottische Hochlandrinder grasen dort für den Naturschutz.

Fliegerberg, Schottisches Highlandrind Foto: Hermann Grömping
Schottische Highlandrinder halten die Fläche frei. Am Fuß des Berges führt ein Weg an der Weide vorbei.

„Der Sand des Lünsberges hat übrigens nichts mit einer Düne zu tun“, erklärt Siobhan Loftus. Wenn man im Sand eingestreute Eisenbrocken findet, in denen wiederum kleine Steine stecken, so sind das Konglomerate oder Zusammenbackungen aus Ton, Eisenerz und kleinen Steinen, die sich im Kreidemeer des Münsterländischen Beckens vor mehr als 60 Millionen Jahren ansammelten. Wind, Wetter und Klima der folgenden Erdzeitalter modellierten daraus Berge, indem die weicheren Schichten um die Berge abgetragen wurden. Das nennt man Reliefumkehr. Deshalb findet man diese Steine am Fliegerberg. Neben den Sandmagerrasen und Heiden befindet sich auch noch ein weiteres Zeugnis einer einstigen Nutzungform im Gebiet. „Das ist der Rest eines alten Hutewaldes“, erzählt Hermann Grömping. „Die Bauern trieben dort ihr Vieh hinein, übrig blieben die knorrig verbissenen Bäume.“ Den Gipfel der Überraschungen entdecken die Wanderer, die östlich, außerhalb des Gebiets noch weiter und noch höher marschieren: Über die Straße zwischen Heiden und Velen führt der Wanderweg zum Gipfel des Tannenbültenbergs. Auf 107,4 Höhenmetern steht ein Gipfelkreuz aus Holz. Im daran befestigten Kästchen steckt ein Gipfelbuch. Wenn Sie dort ankommen, schreiben Sie rein, fotografieren das und schicken den Spruch gerne zu uns in die Redaktion!

Foto: Astrid Auböck/Naturpark Hohe Mark
Der Fliegerberg ist ein Naturschutzgebiet, es gilt das Wegegebot, sprich: die Wege bitte nicht verlassen.

DIE BERGE RUFEN 

Ausgangs- und Zielpunkt: Parkplätze im Industriegebiet und um das Hotel-Restaurant Haus Waldesruh (Einkehrmöglichkeit!) am Dülmener Weg in Borken. Wahlweise ist der P+R-Platz an der Ausfahrt der B67 Richtung Ramsdorf ein Ausgangspunkt. Dort kann man sich entscheiden, nur Richtung Lünsberg oder zum Gipfelkreuz Tannenbültenberg zu laufen. Zu letzterem Ziel kommt man auch vom Wanderparkplatz „Die Berge“, Ostendorfer Straße in Velen, aus hin. 

Länge: (vom Dülmener Weg aus) die lange Route bis zum Tannenbültenberg beträgt etwa 10 bis 11 Kilometer. Überquert man die Straße „Zum Lünsberg“ nicht und wandert über die Panzerstraße zurück zum Dülmener Weg, sind es knapp 6 Kilometer. 

Reine Gehzeit: die kurze Runde knapp 2 Stunden, die lange Tour etwa 2,5 Stunden. Höhenunterschied: kleine Runde etwa 50 Höhenmeter, große Runde etwa 80 Höhenmeter. 

Mehr Infos: Naturpark-Hohe-Mark.de 

Weitere Wege um Borken: https://www.borken.de/tourismus/wandern.html

Foto: Heithoff & Companie

Vom Dülmener Hauptweg (1) geht es Richtung Sandfläche (2), an der wir rechter Hand vorbeilaufen. Dann wählen wir den Weg bergauf durch den Wald, bis wir auf die Panzerstraße stoßen. Hier links und bald biegt ein Wanderweg rechts (3), ab. Der gabelt sich, welche Variante man läuft, ist gleich. Auf der linken hat man nach einiger Zeit Blick Richtung Ramsdorf und auf die Felder anliegender Höfe, bevor es wieder in den Wald um das Naturdenkmal (4) für den ehemaligen Hutewald geht. Hier entscheidet man sich, ob man die kürzere Route Richtung Süden und dann auf der Panzerstraße zurücknimmt. Überhaupt gibt es viele Möglichkeiten, sollte man sich verlaufen, keine Sorge: wer bergab geht, landet wieder Richtung Dülmener Weg oder auf der Panzerstraße. Für die längere Tour überquert man die Straße „Zum Lünsberg“ und wählt den Wanderweg X4. Kurz nach der Kreuzung mit dem Wanderweg X10 verlasst ihr den X4 nach rechts über einen steilen Sandweg. Es folgt eine Kreuzung an der man linker Hand ein kleines Haus, das Wasserwerk, sieht. Hier biegt man rechts und dann bei der nächsten Möglichkeit links ab. Nach einigen Metern findet ihr auf der rechten Seite eine Lichtung auf der das Gipfelkreuz (5) steht. Zurück geht es den Wanderweg X10, wieder über die Straße rein in das Waldgebiet des Lünsberges und auf dem Hauptweg zum Dülmener Weg zurück.

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