Foto: BS Zwillbrock

Mit dem Fahrrad

durch die rosarote brille

„Flamingos leben in großen Ansammlungen an den Ufern der Flachwasserseen Afrikas“ – so lautet das Ergebnis der Schnellsuche im Internet. Wer jetzt Fernweh bekommt, dem sei gesagt: Das stimmt so nicht ganz. Der Rosaflamingo, der europäische, besiedelt auch Küsten in Spanien und Italien sowie im Süden Frankreichs in der Camargue. Aber auch im westlichen Münsterland stehen Flamingos auf einem Bein im seichten Wasser. Unter Ornithologen spricht man von „Gefangenenflüchtlingen“. 

GRAZILE EXOTEN IN ROSA

„Ich sage das mal jetzt völlig unbiologisch: Es sind wunderschöne Tiere mit einer großen Grazilität“, so beschreibt Elke Happe die Faszination der Flamingos. Nach wie vor ist die stellvertretende Geschäftsführerin der Biologischen Station Zwillbrock beeindruckt von der Kolonie, die seit den 1980er Jahren im Zwillbrocker Venn brütet. Sicher weiß es niemand, warum und woher die Tiere kamen. In den 1970ern wurden Einzeltiere registriert. Seit 1982 kommt jährlich eine immer größer werdende Gruppe nach Zwillbrock. Inzwischen brütet die zweite oder dritte Generation hier, denn Flamingos werden 30 bis 40 Jahre alt – zumindest in Zoos. Ob die Zwillbrocker Vögel Zooflüchtlinge waren oder Tiere, die Privatpersonen, Tierhändlern oder aus Stadtparks entwischt sind? Immerhin war es vor 40 Jahren Mode, Exotenvögel in Stadtparks zu halten. Dabei ist es viel schöner, die Tiere von weiter weg in einer natürlichen Umgebung zu beobachten. Deshalb machten die Flamingos Zwillbrock und sein Venn weit über die Grenzen bekannt. „Obwohl es durchaus in der Umgebung noch Leute gibt, die nicht wissen, dass hier die rosa Vögel leben“, verrät die Biologin Elke Happe. Die Wissenschaftlerin arbeitet seit mehr als 20 Jahren in der Biologischen Station in Zwillbrock und weiß um das absolute Alleinstellungsmerkmal dieser Tiere für Zwillbrock: Die Flamingos bilden die nördlichste Brutkolonie Europas. Die gesamte Gruppe ist inzwischen über 80 Tiere groß, etwas über 50 Tiere verbringen meist die Brutzeit von März bis in den Herbst auf dem 35 Hektar großen See – und auf der „Flamingoinsel“ im See. Warum das so ist, wie die Vögel ihre Brut aufziehen, wann sie ankommen und wo sie über- wintern, das erfahren die Besucher in der Ausstellung der Biologischen Station Zwillbrock und auf Informationstafeln rund um die Vennroute (siehe Karte).

Foto: Cornelia Höchstetter
Je nach Wetter tauchen die Tiere ab Ende Februar auf. Sie überwintern in den Niederlanden und checken die Lage, bevor sie bei uns bleiben.
Foto: Cornelia Höchstetter
„Flamingos stehen auf nur einem Bein im Wasser, um Energie für die Körperwärme zu sparen", verrät Expertin Elke Happe.

NATURBEOBACHTUNG AUS 200 METERN

Die Flamingos sind ein echter Besuchermagnet. Als wir Ende März für unsere Recherche im Zwillbrocker Venn waren, standen sogar an einem Wochentag zahlreiche Fahrräder um die nördliche Aussichtskanzel – die übrigens auch barrierefrei für Kinderwägen, Rollstühle und Rollatoren vom Parkplatz aus erreichbar ist. In der Holzhütte mit Fenstern Richtung Wasser beobachteten Ausflügler mit Fernrohren und Fotografen mit riesigen Objektiven die etwa 200 Meter entfernten Tiere.

WIE PÜRIERTE ERDBEERMILCH

„Wenn die Flamingos zurückkommen, sind immer mal einzelne neue Tiere aus Spanien oder anderen Ländern dabei, die sich in Holland den Zwillbrockern anschließen“, erklärt Elke Happe. Nachmittags ist auf dem See Nahrungsaufnahme angesagt: Dann sieht man von den Flamingos nur die Körper als fluffige rosa Wolken über dem Wasser. Die Köpfe stecken im See. Dank der Lamellen an den Schnäbeln filtrieren sie Kleinstlebewesen auf, die von 0,6 bis sechs Millimeter groß sind. Über Minikrebse und ähnliche Tierchen nehmen die Flamingos Carotinoide als natürliche Farbstoffe auf. So wie wir Menschen eine gesunde Gesichtsfarbe bekommen, wenn wir viele Karotten essen, so baut der Körper des Flamingos die Farbstoffe der Nahrung so ein, dass sich die Federn charakteristisch rosa färben. „Deshalb werden Flamingos in Zoos speziell mit Paprikapulver gefüttert, damit die Farbe des Gefieders erhalten bleibt“, erklärt Elke Happe. Wenn die Küken mit grauen Federn aus weißen enteneigroßen Eiern schlüpfen, bekommen sie die erste Farbportion über einen Spezialmix: Die Elterntiere bilden die sogenannte „Kropfmilch“: Die Flüssigkeit im Kropf werden mit Blutkörperchen und den Krebstierchen gemixt. „Das sieht dann fast aus wie pürierte Erdbeeren“, erzählt Elke Happe. Trotzdem dauert es etwa ein Jahr, bis Jungflamingos vollständig rosa werden. Das Füttern der Jungtiere ist ab Ende Mai zu beobachten, allerdings schwierig: Die Tiere brüten auf der Flamingoinsel. Nur ein Ei pro Paar, und das liegt auf einem aufgescharrten Schlammhügel. Zwölf bis 13 Paare brüten je Saison, das schwankt stark.

Foto: BS Zwillbrock
Junge Flamingos sind noch mausgrau. In einem Jahr entwickeln sie sich zu den rosa Schönheiten.

GRUNDSTÜCKSSTREIT ALS GLÜCKSFALL FÜR DAS VENN

Der Lebensraum der Zwillbrocker Flamingos hat eine lange Geschichte: Die Moore im Münsterland sind etwa 6.000 bis 3.000 Jahre vor Christus entstanden. Das Grundwasser stand nahe der Oberfläche, im Wasser stehende Pflanzen starben ab, und deren Material bildete Torf. Die Torfmoose bedeckten die Oberfläche und ließen das Hochmoor wachsen. Die Menschen stachen den Torf und nutzten ihn getrocknet als Brennmaterial. Exzessiv wurde Torf ab Mitte des 19. Jahrhunderts abgebaut, weil die Textilindustrie im deutsch-niederländischen Grenzgebiet einen hohen Energiebedarf hatte. Moore wurden entwässert und für immer zerstört. Ein Glücksfall im Westmünsterland: Die Eigentumsverhältnisse waren nicht richtig geklärt, das verschonte das Moor im Zwillbrocker Venn vor der Umwandlung in Acker und Grünland. Die Menschen erkannten den Wert dieser Landschaft und stellten das Venn schon 1938 unter Naturschutz. Heute umfasst das Gebiet 185 Hektar. „Die drei trockenen Jahre haben den See allerdings ganz schön ausgetrocknet. Die Schäden im Moor werden wir erst nach und nach beobachten“, bedauert Elke Happe. Für die Flamingos ist das ein Problem: So fanden Füchse trockenen Fußes Wege zur Flamingoinsel und räuberten die Brut. Inzwischen haben die Naturschützer die Insel mit einem Zaun umkreist, der die Füchse abhalten soll.

ROSA UND WEISSE WOHNGEMEINSCHAFT

Denn eigentlich leben die Flamingos auf ihrer Insel und im Flachwasser unter einem anderen Schutz: Die abertausend Exemplare große Lachmöwenkolonie sind ihre Wache. „Die Lachmöwen sind wehrhaft und halten Greifvögel ab. So leben die Flamingos im friedlichen Nebeneinander mit den Möwen“, erklärt Elke Happe. „In Ruhe“ kann man weniger sagen, weil die Möwen wirklich ohrenbetäubend schreien. Aber gut – Kompromisse muss jeder machen. Schließlich sorgen die Möwen mit ihrem Kot, den sie ins Wasser fallen lassen, für einen nährstoffreichen See. Das ist ungewöhnlich für nährstoffarme Moorgebiete – bietet aber wiederum genügend Nahrung für die Flamingos. Das macht die Welt in Zwillbrock so rosarot. „Die Flamingos sind zwar Neozoen, also tierische Einwanderer, aber sie nutzen den Lebensraum ohne zu stören in einer eigenen ökologischen Nische“, sagt Elke Happe.

Foto: Cornelia Höchstetter
Flamingos brauchen Flachwasser. Im Zwillbrock Venn ist es zwischen kniehoch und 1,50 Meter tief.

HEER DER RINGE

Spannend wird es noch mal im August: Dann sind die Küken schon groß genug, können aber noch nicht fliegen. Das nutzen die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Biologischen Station zusammen mit Vogelberingern, kreisen die noch grauen Flamingos ein, heben vorsichtig die Jungtiere hoch und beringen sie. Seit 1995 schnappt ein 5,5 Zentimeter großer Plastikring mit weißen Ziffern „ZV“ und einer Nummer um die grazilen Beine der Flamingos. Wenn Vogelbeobachter die Vögel entdecken, notieren sie diese Nummern und geben sie zentral weiter an die Vogelschutzwarte Helgoland oder an die Biologische Station. So wissen die Zwillbrocker Wissenschaftler ziemlich viel über Zugverhalten und Aufenthaltsorte ihrer Flamingos. Ab dem Herbst fliegen die viele Tiere zum Ijsselmeer oder nach Zeeland in den südlichen Niederlanden. Bis dahin ist für uns noch viel Zeit für einen Ausflug tief in den Westen zu den wunderschönen rosa Vögeln, die eine so friedliche Stimmung verbreiten.

Ein Stück der Flamingoroute

Tagelang könnte man auf der Flamingoroute hüben und drüben radeln – also im niederländischen Achterhoek und im Westmünsterland. Insgesamt 450 Kilometer sind für die Radroute ausgeschildert. Unsere MÜNSTER!-Tour beschränkt sich auf eine kleinere Tour vom Venn aus über die Grenze nach Groenlo. Auf der Karte zeigen wir Ihnen außerdem die Rundwanderung größtenteils auf Waldwegen an. Für gut trainierte Radfahrer gibt es noch einen Vorschlag für eine lange Radroute über knapp 40 Kilometer nach Winterswijk und Groenlo. In Winterswijk ist mittwochs und samstags Wochenmarkt an der Jacobskirche. Außerdem lockt die Villa Mondriaan mit Werken des Malers Piet Mondrian, der von 1880 bis 1892 in Winterswijk lebte. Generell ist die Flamingoroute mit dem Logo des rosa Vogels auf einem Bein ausgeschildert. Ab der Biologischen Station gibt es unzählige Möglichkeiten für Radrundtouren in unterschiedlichsten Routenlängen.

Foto: Cornelia Höchstetter
Die Radwege sind per Knotenpunktsystem ausgeschildert, unterwegs auf Infotafeln sowie auf Radkarten. Vor Tourbeginn Reihenfolge der Nummern notieren und abfahren.
Foto: Cornelia Höchstetter

Die MÜNSTER! Tour:

Vom Parkplatz (P) an der Biologischen Station (A) zuerst zur Aussichtskanzel (D) im Norden (siehe Karte unten). Dort hat man die besten Chancen, die Flamingos zu sehen. Dann wieder zurück, Richtung Westen dem Weg folgen, der an einer T-Kreuzung links abbiegt und durch den Wald bis zur westlichen barrierefreien Aussichtskanzel (F) führt. Den Blick über den See sollte man nochmal genießen, denn bald danach verlässt man auf einem Waldweg nach rechts erst das Venn, dann Deutschland und man findet sich Richtung Gasthaus Haak en Hoek (B) in den Niederlanden. Wieder geht es rechts, der ausgeschilderten Flamingoroute entlang (wahlweise den schöneren, aber beschwerlich zu fahrenden Sandweg im Süden von De Leemputten (C)), zur Orientierung folgt man dem Knotenpunkt 52. Wer hier pausiert, kann Tretbootfahren oder sich unter ein Bastschirmchen an den Strand setzen. Oder einfach weiterradeln Richtung Punkt 52, dort links der Straße folgen. Bald biegt ein Pfad entlang des begradigten Bächleins Groenlosche Slinge ab und man rollt über den feinen Splitt. An einer Brücke ist bald der nächste Punkt (39) ausgeschildert, die Kirchturmspitzen von Groenloe sind zu sehen und das Zentrum ist ausgeschildert. Dank der typisch niederländischen Innenstadthäuschen fühlt man sich sofort wie im Holland-Urlaub. In der Stadtmitte gibt es Eisdielen und Cafés. Weiter geht es aus der Stadt an den Festungsmauerresten vorbei über die Wassergräben zum Knotenpunkt 1. Noch vor Zwolle nehmen wir den kürzesten Weg zurück, es sei denn, jemand möchte weiter nach Winterswijk. Hier gibt es so viele Möglichkeiten, die Tour fortzusetzen und dank des Knotenpunktsystems findet man immer weiter. Doch wir fahren Richtung 52 und über die Leemputten (C) zum Schluss denselben Weg zurück. Wer mehr Zeit hat, kann rechts abbiegen und das Venn noch einmal umrunden. Der östlichste Weg ist für Räder gesperrt, ein kleiner Umweg führt dafür am Maislabyrinth (H )vorbei, das natürlich erst im Sommer steht.

Foto: Heithoff & Companie
Foto: Heithoff & Companie

Die Große Runde:

Hier die Knotenpunkte der von uns vorgeschlagenen Großen Runde: Vom Parkplatz (P) an der Biologischen Station (A) geht es erst zur Aussichtskanzel und dann Richtung Osten, Punkt 21. Richtung Süden zu Punkt 48, dort links Richtung Vreden bis Marienhook (50). Oder sogar weiter nach Vreden in die Stadt, dort lockt das besondere Museum kult. Oder weiter Richtung Punkt 33, dann 4 und 8, entlang der Flamingoroute nach Winterswijk. Ein Stadtbummel in der gemütlichen Innenstadt lohnt sich. Oder ein Markt- oder Museumsbesuch Villa Mondriaan!). Weiter nach Groenlo über den Ort Zwolle (Punkte 7, 2, 1, 39), wir verlassen dazu die Flamingoroute, die weiter südlich verläuft. Von Groenlo geht es den Punkten 52 und 54 über De Leemputten (C) nach, dann links ins Wäldchen des Venns zurück zum Parkplatz (P) .

Der Rundwanderweg:

Vom großen Parkplatz (P) an der Biologischen Station (A) führt ein Verbindungsweg auf die Zwillbrocker Vennroute. Um gleich zu Beginn den besten Blick auf die Flamingoinsel zu genießen, geht man die Tour am Anfang Richtung Osten, biegt also an der T-Kreuzung links ab. Über naturbelassenen Waldboden kommt man zur Aussichtskanzel (D), mit Quizfragen, WC und Möglichkeit, einen Kaffee zu sich zu nehmen. Glücklich sind all die, die ein Fernglas dabeihaben. Die anderen nehmen 50 Cent Stücke mit und füttern das fest installierte Fernrohr für einen dichten Blick auf die bunte Vogelwelt im Lachmöwensee und vielleicht auch zu den Nestern der Flamingos. Weiter geht es, bald rechts ab zum Aussichtsturm (H) , wo ebenfalls ein Münzfernrohr steht. Hier schaut man nicht nur auf den See, sondern auch auf die weiten Heideflächen, die natürlich erst ab August pink blühen. Der Fußweg führt um das Venn herum, es folgen noch eine Informationstafel (E) unterwegs und auf der westlichen Seite des Sees eine weitere Aussichtskanzel (F) . Wer zurück am Parkplatz (P) noch Kraft, Zeit und Lust hat, kann die Barockkirche St. Franziskus (G) besuchen.
 

AUSGANGS- UND ZIELPUNKT

(P) Parkplatz Biologische Station Zwillbrock (ist ausgeschildert)

LÄNGE

MÜNSTER! Tour 19 Kilometer, Große Runde knapp 40 Kilometer. Wanderung der ausgeschilderten Zwillbrocker Vennroute mit 5,8 Kilometer.

REINE FAHRTZEIT

MÜNSTER! Tour 1,5 Stunden, Große Runde knapp drei Stunden, Wanderung etwa eine gute Stunde. In jedem Fall viel mehr Zeit einplanen, denn unterwegs gibt es viel zu sehen!

HÖHENUNTERSCHIEDE:

MÜNSTER! Tour: 100 Meter

MARKIERTE WEGE
Der Rundwanderweg ist als Vennroute ausgeschildert. Vom Parkplatz kurz vor der Station links rein führt auch ein Stück barrierefreier Wanderweg zur Beobach- tungshütte bzw. Aussichtskanzel Nord (D) . Die MÜNSTER!-Route richtet sich nach den Knotenpunkten: 54, 52, 39, 1, 54, 56 als Ziel. Die Große Runde verläuft ab der Biologischen Station (A) : 21, 48,23, 4, 8, (hier Abstecher in die Ortsmitte von Winterswijk möglich!), 7, 2, 1, 39, 52, 54, 56.

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